endlwelt

Thomas Endls Welt der Bücher und Bilder

Moorsee

 

Kurzgeschichte, erschienen in

Hildegard! Storno!

hg. von Joachim Bartholomae, MännerschwarmSkriptverlag, 1999


Kleine Blasen links und rechts von mir. Wie ich sie liebe, diese winzige Un­ruhe auf dem sonst stillen Wasser. Die tiefe Dunkelheit des Sees trägt meinen langgestreckten ruhigen Körper, und nur die Finger, weit von mir gestreckt, kitzeln keck die Oberfläche. Schon werden Brust, Bauch und Beine schwer, und der tiefe Grund zerrt an mir. Die Nässe schlägt kalt über der Kopfhaut zu­sammen, und als ich meine dünnen blonden Haare darüber haltlos schweben fühle, pruste ich nach oben.
Ich wische mir das Wasser vom Gesicht, blinzle meine Augen trocken. Links oben baumelt von einem weit übers Wasser ragenden Ast der derbe Strick, an dem mutige Männer zu Tarzan werden. Nachmittags die jungen, verspielt und angeberisch, später die älteren, den Bürokoffer trotzig mit der Liane vertau­schend.
Mit müden Armen schwimme ich zurück, zum anderen Ufer. Dem Abend ent­gegen. Dem kleinen Haus am Stadtrand mit drei Zimmern und einer wirklich wohnlichen Küche, alles fein verteilt auf zwei Etagen.

Gerd hatte es nie gemocht. „Hexenhaus“ nannte er es nur - eingereiht in eine zu ruhige Straße, eingezwängt zwischen zu viele zu laute Spießer. Dabei war es nur ein einziges Jahr, das wir dort zusammen hatten. Nicht ein­mal ganz. Im Juni wären es 12 Monate gewesen. Der Frühling im Garten war herrlich. Ein so kleines Haus mit einem so großen Garten. Mit einem winzigen Wäldchen aus vier laubbuschigen Bäumen und einer verirrt wirkenden Blautanne, die alles andere überragt. Als Schuljunge hatte ich einen Klassen­kameraden um einen solchen Urwald im elterlich umhegten Grundstück benei­det.   

Frühstück auf der engen weißen Steinterrasse, ein paar Stufen über dem Rasen, den Arm auf der kühlen Brüstung, die Hand offengelegt, wartend. Blütenblätter von den Bäumen fliegen vorbei. Keines läßt sich bei mir nieder. Du zupfst sie vom Kuchen und verschwindest mit dem Geschirr im Haus.

Im letzten Sommer kamen viele Freunde. Zum Grillen. Wie bei den Nachbarn auch. Vielleicht war das die beste Zeit. Lachen, Spaß, Tratsch, Geschnatter. Betriebsamkeit. Wie du sie immer brauchtest. Kein Abend ohne Ausgehen, ohne Chor- oder Karatetermin, wenig Wochenenden ohne Ausflug oder Besuch in der Tür.


Der Winter war kalt. Was glitzerte, waren bloß die Schneekristalle, die die Blautanne blaß werden ließen. Kein Christbaum drinnen, keine Lichterketten draußen. Eine stille Weihnachtsnacht in unserer ruhigen Straße.

Auch wenn du im März noch winterlich weiß um die Nase zu leuchten schienst, der Frühling war doch herrlich! Neues Leben überall, grün die Hecke, bunt die Beete. Auf der Terrasse deine Hand in meiner, dein Kopf versteckt in meinem Schoß. Du drehst dein Gesicht herum, drehst dich zu mir - ein Lä­cheln, ein Kuß - und schließt die Augen.

Den See habe ich vor zwei Monaten entdeckt. Ein dunkler Fleck hinter hohem Schilf, durch das nur ein schmaler Trampelpfad führt. Hie und da ist der mat­schige Moorboden mit schmalen Brettern belegt, die den Weg weiter zum Wasser leiten.  

Vom Abendwind kühl angehaucht, ziehen sich die Poren an meinen Armen und Beinen zu einer Reibeisenlandschaft zusammen. Rasch trockne ich mir Haut und Haare. Fröstelnd schlüpfe ich in T-Shirt und die kurzen Hosen, blicke zurück zur anderen Seite des Sees. Sehe die Liane veloren über dem Wasser, höre dennoch einen Schrei - Dschungel am Moorsee - und bin sicher, Gerd wäre hier Tarzan gewesen.